Jasper Fforde: Wie die Karnickel (2020)
Jasper Fforde, ein walisischer Autor, Jahrgang 1961, war Kameramann beim Film, u.a. auch für "James Bond". Dann machte er sich einen Namen als Fantasie-Jugendbuch-Autor mit oft ironischem Untertönen. Ganze Reihen konzipierte er. Im Jahr 2025 kam in Deutschland sein bereits 2020 geschriebener, wohl bislang "ernüchternster und realistischster" Roman heraus: „The constant Rabbit“.
Da schreibt er von einer Welt, die der unseren völlig entspricht bis auf das unerklärliche "anthromorphisierende" Ereignis vom 12. August 1965 (!), als im Vereinigten Königreich mehrere Kaninchen, Bienen, Meerschweinchen, Wiesel und Füchse "vermenschlicht" wurden: Sie gehen aufrecht, kleiden sich, denken, sprechen, fahren Auto. Inzwischen sind über 50 Jahre vergangen. Zumindest Kaninchen und Füchse haben sich gut vermehrt. Mittlerweile leben gut anderthalb Millionen intelligente, hochgewachsene Kaninchen in Großbritannien. Was anfangs sensationell erschien und Sympathie hervorrief, waren die neuen intelligenten Spezies zunächst also willkommen, so hat sich jetzt das Blatt gewendet: Ein großer Teil der britischen Bevölkerung fühlt sich bedroht. Da werden sie von ihrer angemaßten Rolle als Krone der Schöpfung verdrängt. Vor allem die Kaninchen mit ihrer ungeheuren Vermehrungsrate erzeugen Unbehagen. Man unterstellt ihnen einen Plan: "litter bombing". "Litter" steht für "Müll" und "Wurf" (Geburtenwurf) gleichermaßen. Geht es so weiter, erreichen die Kaninchen die Bevölkerungsmehrheit in United Kingdom. Und was passiert dann? Übernehmen sie die Macht und verdrängen die menschliche Bevölkerung. Da sind ihre anderen Essgewohnheiten, Sexualverhalten, die Religion ("Kaninchenweg") ... und sie buddeln herum.
Jasper Fforde spielt die Mechanismen von kleingeistigem Provinzialismus durch, von Fremdenangst und Fremdenhass, Rassismus, Diskriminierung, heuchlerischer Ausbeutung (Billigarbeit in Fabriken, nein in "Palästen der kollektiven Freude"), die schließlich zu einem faschistoidem Regime mit allgemeinem Abbau bürgerlicher Rechte und genozidem Massenmord führen.
Mit bissig britischem Humor, der an die Monty Pythons, Terry Pratchett oder Douglas Adams erinnert, erzählt sein Held, der Durchschnittsbrite Peter Knox seine Geschichte. Der Mittvierziger lebt in einem piefigen englischen Nest Much Hemlock nahe Wales. Mit seiner inzwischen erwachsenen Tochter Pippa als alleinerziehender Vater; seine Frau Helena hatte ihn wegen seiner Langweiligkeit verlassen. Etwas großes wurde trotz Studium nicht aus ihm. Er arbeitet angeblich als kleiner Buchhalter bei einer Behörde "RabCoT Taskforce", die eigentlich das Zusammenleben von Kaninchen und Menschen regulieren soll. Tatsächlich schikaniert und kriminalisiert die von "leporiphoben" Angestellten (die sich natürlich nicht so sehen) besetzte Anstalt die Kaninchen tagtäglich und versucht deren Rechte fortwährend einzuschränken. Wobei sie größten Wert auf angemessene und woke Terminologie legt ... Für sie gibt es nur Kaninchen, die entweder kriminell sind (ungerechtfertigt oder wegen Bagatellen eher künstlich kriminalisiert werden) oder noch kriminell werden. In einem Kapitel wird geschildert, wie die Behörde auch "irrtümlich“ bzw. willkürlich inhaftierte Kaninchen „leider“ nicht einfach freilassen könne: weil damit die Identität der Gefangenen offengelegt würde; und dies verstoße gegen den Persönlichkeits- und Datenschutz! Es sprudeln also zynische Ideen. Die Einrichtung wird von einer rechtskonservativen Regierung unterstützt, die sich der "Humansuprematie" verschrieben hat. Regierende Partei ist die UKARP (United Kingdom Against Rabbit Population), die es mit Fremdenfeindlichkeit an die Macht schaffte - so wie es hierzulande z.B. wohl die AFD vorhat. Die meisten Kaninchen leben bereits ghettoisiert in Kolonien, wo sie billig für menschliche Konzerne arbeiten. Das sei wichtig nach dem Brexit! Vergleichsweise wenige, nur etwa 100.000, dürfen sich außerhalb und frei im Lande aufhalten. Ziel der Regierung ist es, alle Kaninchen in eine neue Kolonie "MegaWarren" umzusiedeln, die angeblich viel schöner und kaninchengerechter eingerichtet sei. Man erkennt unschwer ein Arbeitslager, ja Konzentrationslager. Mit Mühe bringt der rechte Premier Nigel Smethwick die Bevölkerung hinter sich und überzeugt diese, dass es die Kaninchen mehrheitlich selbst so wollten. Und wenn nicht, na, da gibt es noch den Mob, der - mit Brandfackeln und Baseballschlägern - gerne mal mit dem Familien-VW vorfährt (Kindersitz noch auf der Rückbank und Antiatomkraft-Aufkleber an der Heckscheibe!) und ... Und mal ehrlich: "Eine einzige kleine Lyncherei und schon werden sie als rechtsextreme Reaktionäre und Leporiphobiker dargestellt ... Vielmehr handelt es sich um Realisten, die den Multispeziesismus berechtigterweise kritisch betrachten"! (aus dem Buch) Man hasst die „fremden“ Kaninchen und die Leute sagen sie: "Die geben sich nicht damit zufrieden, die Landschaft zu verschandeln und uns all die schlecht bezahlten Jobs wegzunehmen, die niemand haben möchte, nun fangen sie auch noch damit an, unsere Städte und Dörfer zu untergraben. Verstehst du die Metapher?" (Immerhin kennen sie das Wort "Metapher" …!) Die Kaninchen sind nicht dumm und ahnen ihre Deportation und leisten passiven Widerstand, wie es ihre Art ist. Die Regierung wird letztlich mit massiver Gewalt versuchen, mit dem Einsatz von Panzern und tausenden vermenschlichten Füchsen, die Karnickel zu töten bzw. zu deportieren. Denn den Füchsen ist es durchaus im Rahmen ihrer natürlichen Triebe gesetzlich erlaubt, Kaninchen zu ermorden! (Tony Blair galt als langjähriger Verfechter von Fuchsrechten ...!) Also bedienen sich die scheinheiligen Menschen ihrer gern. (Wer ist das Raubtier?!)
Peter Knox ist jedoch kein Buchhalter; er verfügt zufällig über die seltene Gabe als "Spotter" die doch alle gleich aussehenden Kaninchen identifizieren zu können. Dafür ist er bei der RabCoT. Persönlich hat er nichts gegen Kaninchen, er tut "nur" seinen Job um sich und seine Tochter ernähren zu können. In seiner universitären Jugend verliebte er sich fast in eine Kaninchen-Lady Constanze "Connie" (fast buchstäblich „Rassenschande“ in den Augen der Hasenhasser), verlor sie aber aus den Augen. Dennoch macht er sich durch seinen Job mitschuldig an der Verfolgung und Unterdrückung von Kaninchen. Unglücklicherweise kam durch seine Durchschnitts-Feigheit auch der frühere Ehemann Connies ums Leben: Dieser wurde fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt und sein Name an die Öffentlichkeit bzw. an eine Terrorgruppe "TwoLegsGood" durchgestochen, die ihn lynchte. Diese gewaltbereite Bürgerwehr aus - eben – „besorgten Bürgern“ besteht nicht etwa aus "ungelernten Hooligans mit Halstattoo und einem IQ knapp oberhalb der Raumtemperatur", sondern es handelt sich „um Mitglieder der Mittelschicht: Einzelhandel, mittleres Management, christliche Fundamentalisten, arbeitslose Kürschner und Hutmacher [ja, ja die Kaninchenfelle - d. Aut.], mehrere Ärzte und Anwälte sowie ein paar überzeugte Umweltschützer, die in der Ausbreitung der Kaninchen eine "potenziell größere Gefahr für die Biodiversität des Planeten" sahen als in der Menschheit selbst".
Knox geordnete Welt gerät aus den Fugen, als in sein Dorf, ins Nachbarhaus eine Kaninchenfamilie einziehen will. Die Dörfler wittern den Anfang vom Ende: Bald gerieten sie in die Minderheit, ihre schönen Gärten würden unterbuddelt, in den Läden unverständliches Kaninchen-Geschnaufe gesprochen, irgendwann müssten sie sich vegan von Karotten und Salat ernähren und irgendeinen Kaninchengott ("Lago, die Große Matriarchin") anbeten und den "Tieren" dienen. Und dann sind da ja noch dieses seltsame Matriarchat und die Konsumverweigerung ... Sie beauftragen den gutmütigen Peter, die Kaninchenfamilie zum Wegzug zu bewegen (einem "Rabxit" sozusagen): mit erheblichem Geld, dem „Wegzugsfond“, das eigentlich für die Erneuerung der Kirche vorgesehen war.
Peter möchte das überhaupt nicht und weiß nicht, wie sich verhalten. Dass die Familien-Chefin der neuen Nachbarn „seine“ Connie ist, macht es noch komplizierter. Denn beide hegen doch gewisse Gefühle füreinander und der ehrenwerte Ehemann (und Afghanistan- sowie Irak-Veteran) Major Doc ist kaninchentypisch eifersüchtig und fordert Peter zum Pistolen-Duell. (Eine Marotte aus dem Ehrencodex der Kaninchen.)
Knox gerät unter Druck: Er soll einerseits die Familie aus dem Dorf vertreiben. Andererseits erhält er von seinem Behördenchef und Führungsoffizier, einem gefährlichen und hochaggressiven Fuchs Mr. Ffoxe den Auftrag, die Familie auszuspionieren, da sie in Verbindung mit der angeblichen Kaninchen-Untergrundorganisation und ihrer spirituellen Führerin, der "Ehrwürdigen Bunty" stehen könnte. Verblüffenderweise ist es hier ausgerechnet also ein Fuchs, auch ein "Fremder", der den menschlichen Briten mit verbaler und physischer Gewalt einbläut, dass diese sich gegen die Kaninchen-Überfremdung wehren müssten. Tatsächlich leben die Füchse im mörderischen Rausch ihrer Triebe. Erst später wird eine andere Füchsin kühl und desillusioniert analysieren, dass auch sie nur geduldet würden, weil sie anstelle der Menschen die Drecksarbeit verrichten. Schlussendlich würden auch sie ausgerottet.
Knox muss sich nun entscheiden. Wird er zum Mittäter an einem Massenmord? Und inwiefern kann er Connie trauen? Denn wird er nicht auch von ihr nur benutzt? Werden sich die Kaninchen aktiv wehren, bewaffneten Widerstand leisten?
Tatsächlich passiert dies ein einziges Mal: Connie erschießt Mr. Ffoxe in Notwehr kurz bevor dieser sie foltern und zerreißen kann. Das erinnert schon fast an Tarantino … Peter wird die Schuld auf sich nehmen und ins Gefängnis wandern und dort selbst misshandelt werden. Übrigens von den Todfeinden der Kaninchen: nach dem Börsencrash 2008 verknackte Banker ...
Es kommt im Showdown zur Schlacht vom "May Hill". Aber auch das ist ein martialischer Euphemismus, der gleichwertige Gegner vorgaukelt. Tatsächlich wäre es ein Massaker geworden, das sich nur deshalb nach nur einigen hundert Ermordeten auflöst, weil die Kaninchen und ihre spirituelle Führerin (eine herrlich unspektakuläre Persönlichkeit) den Rückzug beschließen: den Rückzug von "Intelligenz" und Zivilisation in die Wildnis! Sie werden wieder zu gewöhnlichen Kaninchen, nehmen aber die unglücklichen Füchse gleich mit (die fortan wieder von Menschen gejagt werden). Und sie nehmen auch Connie mit und Knox' Tochter Pippa, die sich in ein Kaninchen Harvey verliebte. Die Menschheit ist eben doch noch lange nicht erwachsen genug, sich den Planeten mit anderen Wesen, auch nicht mit anderen intelligenten Spezies zu teilen.
Knox ist nun allein, einsam und berichtet 15 Jahre später mit diesem Buch über die Geschehnisse. Aber irgendwann empfand er eben große Scham und beschließt, aktiv zu werden, trotz Fehler und Feigheit ein besserer Mensch zu werden. Das richtige zu tun und darüber zu schreiben und die Geschichte öffentlich zu machen. Die apathische Öffentlichkeit aufzuwecken!
In Kenia überlebt übrigens eine vermenschlichte Elefanten-Dame Firyali Elephant und wird sogar äußerst erfolgreiche, beliebte und vorbildliche Präsidentin ihres Landes ...!
Wirkt die „Moral“ der Geschichte bisweilen plakativ? Zu unsubtil? Vielleicht - aber sie kommt nicht plump daher, weil der Protagonist selbst sein Verhältnis zu Kaninchen ausloten und erst zu seinen Werten finden muss. Fforde bewegt sich mit diesem Roman pointiert und humoristisch am weltpolitischen Puls der Zeit. (Frank Schorneck, culturmag.de)
Erwähnen möchte ich die bemerkenswerte atmosphärische Dichte des Plots. Ohne zu weit abzuschweifen, erwähnt der Autor unzählige Details über Charakter und Lebensart der Kaninchen: wie sie sprechen, welche Speisen sie bevorzugen, Macken, welche Autos sie fahren, Details der Kleidung und gewisse sozial-alltägliche Rituale, ja - auch vom Insiderhandel mit besicherten Karottenobligationen und ihrer Art, materielle Dinge lange zu nutzen (sie reparieren Glühbirnen ...) usw. Fast nebenher im Plauderton füllt sich damit das Plot-Gerüst mit authentisch und glaubwürdig wirkendem Leben.
Und noch mehr Details, auch zu ihrer Diskriminierung: Dank Brexit muss sich UK nicht an die Beschlüsse der EU halten, die den intelligenten, anthromorphisierten Kaninchen "Menschenrechte" garantiert. Anstelle dessen gibt es nicht etwa Mindestlöhne, sondern Höchstlöhne für sie usw.
Immer wieder nimmt der Autor auch Bezug auf ganz konkrete, aktuelle Entwicklungen in Großbritannien. So erlebt das Land Kürzungen im kulturellen Sektor, was sich z.B. auch auf das Bibliothekswesen v.a. auf dem Lande auswirkt. Vielleicht irritiert den einen oder anderen Leser der Einstieg des Romans, indem der Romanheld Peter Knox beim "Speed Librarying" beschrieben wird. Es werden zwar formal keine Bibliotheken geschlossen (Wahlversprechen gehalten), aber das Personal zusammengestrichen. Allerdings gibt es offenbar genügend Geld für je Bibliothek zwei "Bibliotheksöffnungszeitenüberwachungsbeamte", die ihren Job sekundengenau nehmen! Fforde gibt dazu nun einen sehr launigen, sarkastischen Kommentar ab, indem er diese Entwicklung fortschreibt und ins Groteske steigert. Er beschreibt, wie engagierte Bürger dennoch trickreich und organisiert versuchen, den Betrieb aufrecht zu erhalten: In Knox' County gibt es 12 Bibliotheken. Jede einzelne darf / kann nur alle zwei Wochen für exakt 6 Minuten geöffnet werden. Meister-Organisator Knox schafft es mit seinem Team und einem ausgetüftelten, ja "ausgefuchstem" System namens "Buchblitz", Rückgaben, Ausleihen, Reservierungen und Verlängerungen in dieser Zeitspanne über die Bühne zu bringen. Inklusive einem "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen". Diese Eingangssequenz gibt den absurd-ironischen Ton vor. Und lässt (bittere) Tiefe ahnen. Sie offenbart nicht nur den Zustand des Landes, sondern auch viel vom Charakter des Haupthelden.
Interessantes weiß er auch vom Matriarchat der Kaninchen zu berichten. Es klappt ganz gut: die Rammler werden als Bodyguards genutzt und mit Begattungsrechten entlohnt. So schlicht wie effektiv! Dies durchzusetzen gelang übrigens schnell: Der frühere Widerstand der Rammler gegen die Gesetzgebung der Zibben dauerte ... 18 Tage. Was allerdings auch den Damen schwer fiel. "Wir haben beschlossen, zur langfristigen Etablierung der Veränderungen die toxische Männlichkeit auf evolutionärer Ebene anzugehen. Einfach ausgedrückt lassen wir die Byron'schen Rammler mit ihrem Aussehen, ihrer Aggression und ihrem Sexualtrieb sexuell verhungern und vermehren uns stattdessen mit sonst erfolglosen Kandidaten. Die netten, braven Rammler sind ... weniger impulsiv, weniger aufregend und weniger willens, bescheuerte Risiken einzugehen. Fast schon langweilig. ... um in der Gesellschaft echte Veränderungen zu erreichen, muss man langfristig denken." Aha! Macho-Gehabe können sich Alpha-Rammler also gleich mal in ihre "Köttelritze" schieben ...!
Dass der Roman v.a. ein zorniges aber SATIRISCHES DENKSPIEL über Populismus, Fremdenhass und Abbau der Demokratie, politische Manipulation (von Labour und Konservativen gleichermaßen) ist, zeigt sich an den Erläuterungen zum antromorphisierenden Ereignis, das ja ein paar Kaninchen, Füchse, Wiesel usw. zu intelligenten, menschenähnlichen Wesen machte. Es interessieren den Autor Fforde nicht wirklich technische Ursachen, also WIE das Ereignis passierte, sondern WARUM! Mit überbordenden Ideenreichtum und humorvollen Fabulier-Spaß kommentiert sein Erzähler Knox stellvertretend das Ereignis mehr als deutlich für die Leser und damit nimmt der Autor sein Setting-Konstrukt gleich selbst auf die Schippe bzw. rückt es in die richtige Sicht-Position. Denn unter den Wissenschaftlern fand als Erklärung eher Akzeptanz die Theorie der "satirischen Induzierung"! Man könnte sich vor Lachen wegwerfen! "Das Ereignis erfüllt alle Merkmale der Satire, ... wenn auch die Durchführung recht stümperhaft war", meint Knox.
Oder eine „Karotteske“, wie es beim Deutschlandfunk, Büchermarkt hieß …

