Wolf Haas: Wackelkontakt (2025)
"Wackelkontakt" ist eine skurrile, strukturell kunstvolle Krimikomödie des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas. Dieser schrieb auch die Bestseller-Krimis der "Brenner-Reihe".
Ich empfand den Roman als süffig zu lesen, aber letztlich von der Sprachästhetik her mich nicht ansprechend. Bis zur Hälfte recht unterhaltsam, dann eigenartig verbraucht. Ungewöhnlich ist seine verwickelt erscheinende Art, indem zwei Geschichten parallel erzählt werden, die ineinander greifen und sich gegenseitig geradezu hochschaukeln.
Da ist der etwas melancholische, phlegmatische Trauerredner Franz Escher. Er wirkt nerdig. immerhin hat er ein Hobby: Puzzles zusammensetzen und dabei alles ringsum vergessen; selbst nächste Menschen, die sich für ihn interessieren könnten. Er sitzt in seiner Wohnung irgendwo in Wien, hat einen Wackelkontakt an der Mehrfachsteckdose in seiner Küche und wartet auf den Elektriker. Er wartet, grübelt über sein doch recht ödes, festgefahrenes Leben und liest ein Buch über einen jungen sizilianischen Mafia-Kronzeugen Elio Russo.
Dieser Russo sitzt in einem Gefängnis, soll eine neue Identität erhalten, entlassen und irgendwohin ins Ausland in ein neues Leben gebracht werden. Er verriet so viele und so wichtige Leute, dass er minütlich um sein Leben fürchtet. Und so sitzt auch er in der Zelle und liest, da er nicht einschlafen kann, ein Buch. Über einen deutschen Typen namens Escher, der auf einen Elektriker wartet ...
Und so geh das hin und her! Ping-Pong. Anfangs parallel und doch seltsam prädestiniert / vorherbestimmt miteinander verbunden, verwirbeln sich beider Lebensgeschichten immer schneller werdend in direkter Weise.
Der Elektriker wird, so sieht es aus, den Einsatz bei Escher nicht überleben: Wackelkontakt, Sicherung reingeschraubt, Kurzschluss, Exitus. Was tun?! Escher ist auch Trauerredner, hat mal ein Buch darüber geschrieben - mit enttäuschender Resonanz und die paar Kröten (peinlich verdient) vor vielen Jahren in irgendein obskures, hoffnungsloses Startup-Projekt versenkt.
Dort philosophierte er auch über den aktuell inflationär gebrauchten Begriff "Empathie", der gern und vor allem von jenen Zeitgenossen benutzt wird, die gerade davon so wenig haben. (Ich möchte die Vermutung hinzufügen, dass eben diese Leute auch permanent von tiefsinnigen Gesprächen und Achtsamkeit faseln (eigentlich nur die Wörter nennen) und damit ebenfalls nichts zu tun zu haben scheinen. Kein Wunder, diese Begriffe sind rein egozentrisch gebraucht: Es dreht sich alles um diese Personen, das Mitgefühl erwarten sie von allen anderen und ebenso die Achtsamkeit auf ihre Befindlichkeiten. Und das mit den tiefsinnigen Gesprächen ... meint wohl eher, dass sie mit etwas unterhalten werden wollen, was sie irgendwie mit "gehobener Kultur" oder Status verbinden.)
Escher beginnt sich, aus Schuldgefühlen heraus, für die Witwe zu interessieren. Und für die Tochter der kleinen zugezogenen Familie, die plötzlich unauffindbar ist. Um an den Job der selbstreinigenden Trauerrede heranzukommen, muss er Kontakt zur ehemaligen Freundin aufnehmen. Die ist gleichfalls Trauerrednerin und nervt Escher. Er kann sie einfach nicht ausstehen. Und er reibt sich doch an ihr.
Russo kommt schließlich glücklich aus dem Knast raus und wider allen Erwartungen gelangt er nach Deutschland (Duisburg), heißt nun Marko Steiner und fängt ein neues Leben an. Er ist technisch begabt und macht sich bald einen Namen als Fahrrad-Reparierer und Motorrad-Restaurator. Stets ist er darauf bedacht, nicht aufzufliegen, sich nicht zu verraten. Gar nicht so einfach, da er doch so manche Ersatzteile aus Italien ordern muss. Später, nachdem er auch aus Duisburg nach Berlin flüchten musste, lernt er eine junge Frau Gabi kennen, die seine seltsame Verschwiegenheit und "Geschichtslosigkeit" fraglos akzeptiert. Mit ihr wird er eine Tochter zeugen. Gabi scheint aus einer muslimischen Familie zu stammen und sollte 15-jährig in eine Kinderehe mit einem alten Mann gezwungen werden. Davor rettete sie sich, sagte aus und wurde gleichfalls in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen, um sie vor einem „Ehrenmord“ zu bewahren. Später zieht das Paar nach Österreich, nach Wien (diesmal hatte Gabi Probleme, entdeckt zu werden). Zuvor, noch in Duisburg hatte ja Russo Ärger mit italienischen Mafiosi, die einfach einen seiner restaurierten Motorroller haben wollten. Das überleben sie nicht …! Und Russo musste weiterziehen.
Der 14-jährige Tochter Ala wird das Schweigen und die Umzüge der Eltern seltsam vorkommen und auf eigene Faust recherchieren. Ein Fehler! Sie wird nach Italien gelockt und dort nach Sizilien entführt. Dort beherbergt sie der feingeistige Mafiaboss Gino und wartet darauf, dass Papa Russo seine Tochter abholt und ein saftiges Lösegeld zahlt. Dann wäre die Sache mit dem Verrat erledigt. Oder doch Blutrache?
Da verweben sich beide Handlungsstränge endgültig: Escher erkennt, dass er damals in das komische Startup Amazon investierte und jetzt steinreich ist. Das Geld will er jedoch einsetzen, um die Tochter des Elektrikers auszulösen und so seine Schuld am Tode ihres Vaters zu begleichen. Er fährt in den Süden, holt das Mädchen ab - aber auch ein sehr wertvolles Puzzle. Auch Mafiaboss Gino puzzelt gern und setzt wiederholt ein bemerkenswertes Bild zusammen: Es ist das wertvolle, im Jahr 1969 gestohlene Gemälde "Christi Geburt mit den Hl. Laurentius und Franziskus" aus dem Oratorio die San Lorenzi in Palermo, welches wegen seiner Bekanntheit einfach nicht weiter verkauft werden konnte. Also zerschnitt man es in 8.190 Teile ... Nun ist Escher sein Besitzer.
Wahrscheinlich kommt Escher wieder mit seiner Ex zusammen.
Und der tote Elektriker? Ja, da wurde wer verwechselt - total verwickelt.
Mystisch erscheint das Ganze, weil der jeweilige Leser des Romans (Escher, Russo, Ala, zuletzt auch Gino) nicht nur die Lebensgeschichte des anderen erfahren, sondern auch die nächsten Schritte ihres jeweiligen "Partners". Allerdings wird das Mysterium nicht erklärt oder aufgelöst. Aber die Logik wackelt irgendwann doch unbefriedigend (um im Bild zu bleiben), nutzt sich ab und hetzt dann ab irgendwann dem Ende entgegen. Es fehlt etwas! So wie dem Escher das letzte Stück für ein bestimmtes großes Puzzle fehlt (was ein Produktionsfehler war). Dennoch ist der Roman mal etwas anderes: ein erzählerisches Möbiusband, eine Schleife. Und dazu noch verschachtelt wie eine Matrjoschka.
Oder vielleicht störte mich gerade dies: das technische Konstrukt des Vexierbildes (vergleiche die entsprechenden Zeichnungen des Künstlers MC Escher!) an sich: Meiner Meinung nach geben die Geschichten der Protagonisten nicht sehr viel her. Es überwiegt der Eindruck, dass hier keine bewegende Geschichte erzählt werden soll (die zudem noch Logiklöcher aufweist), sondern die Lust an der erzähltechnischen Verschränkung selbst, an der Technik - an der (Erzähl-)Form, an Strukturen, an dem Basteln an sich. Es geht nicht so sehr um Inhalt. Deshalb auch das Spiel mit den Zeiten, die gegenläufigen Erzählstränge aus Vergangenheit und Zukunft, die vielen dualistischen Bilder, Motive und Details. Auch das Puzzeln selbst ist symbolisch: Beide Helden ähneln einander: Sie sind je Meister ihres Faches und puzzeln gern: Sie teilen und dekonstruieren etwas und setzen es wieder zusammen und haben dabei einen starken Sinn für Ästhetik.
Mir sagte der Roman nicht sehr zu. Die Kritiker aller namenvollen deutschen Feuilletons allerdings waren einhellig begeistert über die kunstvolle und clevere Konstruktion und die vielen Volten (haha: Wackelkontakt, Strom, Volt …), die Autor Haas im Verlaufe der Handlung schlägt. Zudem war der Text für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 nominiert!
Interessant-Nachdenkliches sagte Haas zum zentralen Hobby "Puzzle": Es interessiere ihn nur insofern, als er darin ein passendes Bild sehe, "wie man sich die Welt anzueignen versucht mit untauglichen Mitteln".

